Die Ambrotypien von Daniel Samanns

Gibt es die Zeitmaschine?

Zumindest gibt es eine Türschwelle und als ich sie übertrete, lande ich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben der Tür lehnen Glasplatten, auf einem Tisch stehen viele braune Glasflaschen, und dann sehe ich Holzkameras, immer mehr Holzkameras der unterschiedlichsten Formate. In diesem Atelier wirkt Daniel Samanns als Fotograf und Alchemist, mit Schießbaumwolle und Äther, Silbernitrat und dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren.

Lange arbeitete Daniel Sammans als Fotojournalist, ab 1997 digital. Doch seine Wurzel waren die künstlerische und analoge Fotografie. 2011 kehrte er dorthin zurück, doch sein Interesse galt den ursprünglichen Verfahren.
Ein halbes Jahr experimentiert er, bis das erste, vorzeigbare Bild entstand. Unter den Freunden löste es Stürme der Begeisterung hervor. Bei ihm jedoch nicht. Denn es gab Spuren von Flecken und Linien, die sich seiner Kontrolle entzogen. Für Daniel waren es unverzeihliche Fehler. Wieder Monate später hatte er es geschafft. Nun waren ihm die Ursachen der Bildstörungen bekannt, endlich alle Prozessschritte unter Kontrolle. Und wieder war Daniel unzufrieden. Sein neustes Ergebnis war Perfekt – zu perfekt. Es unterschied sich kaum von den saubergepixelten Aufnahmen, wie sie auch an Computer-Monitoren entstehen. Es war um jeden Zauber beraubt. Das konnte es auch nicht sein. Die Spuren mussten wieder zurück, jetzt jedoch kontrolliert.

Daniel sagt mir : „Nach einem Jahr intensiver Arbeit, hatte ich mir die Lizenz zum „Fehler“ machen erworben.“
Und wie ein Maler lässt er die Flecken und Linien dort entstehen, wo sie seine künstlerische Absicht unterstützen.

Wieder sehe ich mir seine eindringlichen Portraits an und wieder habe ich eine Frage. Warum kommen mir die Personen so bekannt vor? Ich erfahre von Daniel, es seien Personen des öffentlichen Lebens, Moderatoren, Schauspieler, Regieseure und Menschen aus der Nachbarschaft, aus unserem Bergmann-Kiez.

Nein. Ohne den Blick von den Gesichter abwenden zu können, denke ich: „Das ist es nicht!“
Es ist die Art, wie wir uns gegenseitig ansehen, wie seine Portraits mich ansehen. Als ob ich mit ihnen schon seit Minuten im Dialog wäre und gerade eine Beziehung zwischen uns entstünde. Die Antwort liegt wieder im Verfahren, der entschleunigten Fotografie. Erst wenn die Person erscheint, wird die Platte beschichtet und lichtempfindlich gemacht. Die Belichtungszeit beträgt bei Kunstlicht mehrere Sekunden. Dann muss die noch nasse Platte sofort entwickelt werden, wobei das Bild ganz langsam erscheint. Dies nennt Daniel den magischen Moment. Es ist jedes mal fast wie bei einer Geburt. Es beginnt zu leben, und immer mehr Details zu zeigen, die die abgebildete Person letztendlich so erfahrbar macht.

Wieder an der Türschwelle fällt mein letzter Blick zurück auf eine Holzkamera.
Das Objektiv ist mit drei, bereits angelaufenen Messingschrauben befestigt. Eine jedoch ist vernickelt und ich muss unwillkürlich an einen Rest aus einem Ikea-Bausatz denken. Was ich hier sah, begann vor 164 Jahren. Aber Daniels Kunst ist zeitgenössisch!

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